Entwicklung durch Dialog

 

Die Kampagne zu „Bauernregeln“ aus dem Umweltministerium von Ministerin Barbara Hendricks wurden im Februar 2017 in der Öffentlichkeit mit Leidenschaft und Wut diskutiert. Die Landwirtschaft fühlte sich in ihrer Berufsehre verletzt. Über die Art und Weise, wie die „Bauernregeln“ der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden, kann man durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Jedoch fühlt es sich wie ein Weckruf an. „Wenn der Hahn kräht auf ………, dann wird es Zeit, weil was zu verändern ist“!

 

 

Die Praxis in der Landwirtschaft muss einer grundsätzlichen Überprüfung unterzogen und mit entsprechenden politischen Rahmenbedingungen unterstützt werden,
denn ohne klare Gesetze und eine entschiedene Politik wird sich in Zukunft nichts ändern.

 

Unsere Bürgerinitiative zitiert nachfolgend weitestgehend Bundes-Umweltministerin Barbara Hendricks. Nicht, weil wir Vorwahlkampfhilfe leisten möchten, sondern nur aus einem einzigen Grund:
Barbara Hendricks spricht mutig die Dinge an, die sich in der Landwirtschaft ändern müssen.

 

Umweltministerin Barbara Hendricks ruft zum Dialog über die Zukunft der Landwirtschaft auf. Seit Jahrzehnten gelte in der Agrarwirtschaft die Devise „wachse oder weiche“. Das bedeute, dass eine Reihe von Betrieben aufgeben mussten. Über ein paar Dinge müsse geredet werden:

 

  • Warum gibt es denn heute rund 9.000 landwirtschaftliche Betriebe weniger als im Jahr 2013?
  • Warum ist die Zahl der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte seit 2010 um gut 150.000 zurückgegangen, davon alleine 110.000 Familienarbeitskräfte?
  • Warum sind im selben Zeitraum ein Drittel aller Betriebe mit Schweinehaltung ausgeschieden, während die Anzahl der in Deutschland gehaltenen Schweine in Deutschland weiter gestiegen ist?
  • Warum weisen fast ein Drittel der Messstellen für die Grundwasserqualität zu hohe Nitratwerte auf?
  • Warum wird die landwirtschaftlich genutzte Fläche pro Betrieb im Durschnitt stetig größer? Ist der Grundsatz „wachsen oder weichen“ wirklich der richtige Weg?

 

Eine sachlich geführte Debatte darüber, wie wir uns die Landwirtschaft der Zukunft in unserem Land vorstellen, ist notwendig. Sei es die Gülle in Fülle oder die riesigen Massentierställe, sie stehen zugleich symbolisch für ein krankes System, denn um das Leben und die Gesundheit im industriellen Agrarsystem steht es schlecht. Der Boden trägt und nährt uns, aber er hat kaum eine richtige Lobby. Statt von uns gepflegt und behütet zu werden, wird er mit Füßen getreten. Huffington Post – Dr. Alexandra-Hildebrandt

 

Barbara Hendricks

„….. und genau das ist doch mein Punkt: Ja, mir geht es um den Schutz unserer Umwelt und der Natur, um den Schutz von Böden, Wasser und Luft, von Pflanzen und Tieren. Und ja, ich glaube, dass wir in diesem Bereich teils große Probleme haben. Und zwar auch, weil es Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft gibt. Aber mir geht es genauso darum, dass es nicht sein kann, dass Landwirte auf der einen Seite zu Getriebenen einer ungerechten Agrarförderung werden. Und gleichzeitig auf der anderen Seite von der Marktmacht der Lebensmittelindustrie die Preise diktiert bekommen. Beides führt dazu, dass immer mehr bäuerliche Betriebe in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten und beides führt dazu, dass Umwelt und Natur zunehmend unter die Räder eines „billiger, schneller, mehr!“ geraten“.

 

Fast 40 Prozent des EU-Budgets fließen in die Landwirtschaft. Hedricks findet es aber grotesk, dass ein großer Teil des Geldes dann bei den großen Agrarfabriken landeten, und niemand wolle die im Grunde haben.

  • Ein Prozent der Betriebe erhalte 20 Prozent der Direktzahlungen.
  • Ein Hundertstel bekomme ein Fünftel.
  • Man fände keine andere Subvention, deren Ziel es ist, ohnehin starke Akteure noch stärker zu machen.Und zwar ohne sie zu verpflichten, ausreichend gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.
  • Hinzu käme, dass – wenn ein Bauer die Fläche pachtet – ein Großteil der Förderung gar nicht bei ihm ankommt. Der Eigentümer der Fläche halte nämlich die Hand mit auf. Und die Pachtpreise sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.
  • Dieses absurde Fördersystem müsse gemeinsam mit den anderen Mitgliedsstaaten dringend geändert werden.

 

„Öffentliches Geld sollte es in Zukunft nur noch für öffentliche Leistungen geben“, sagt Hendricks:

  • Wir wollen diejenigen unterstützen, die Qualität vor Masse setzen.
  • Bei denen die bäuerliche Idylle nicht nur auf dem Etikett der Milchpackung existiert.
  • Wir wollen Betriebe, die profitabel sind und sich ihren Tieren und der Natur verpflichtet fühlen.
  • Die die Tradition ihrer Familien weiterführen können, ohne immer weiter wachsen zu müssen.
  • Die Pflanzenschutzmittel so behutsam einsetzen, dass die Belastungsgrenzen der Umwelt respektiert werden.
  • Die ihre Verantwortung für den Klimaschutz wahrnehmen.
  • Wir wollen Landwirte fördern, die auch dort den Acker bestellen, wo der Boden wenig Ertrag abwirft.
  • Wir wollen Initiativen fördern, die regionale Wertschöpfungsketten knüpfen.

 

Hendricks verweist in diesem Zusammenhang auf die Zanexus-Studie von Prof. Feindt

 

Allerdings könne man jetzt schon handeln.
Die EU gäbe uns die Möglichkeit, bis zu 15 Prozent der Subventionen aus der 1. Säule der Direktzahlungen in die 2. Säule zu überführen, mit der genau diese Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft schon heute möglich sei. Bislang liege unser Anteil bei gerade einmal 4,5 Prozent. Bei einer Einigung mit dem Bundeslandwirtschaftsminister könnten die Spielräume für eine nachhaltige Landwirtschaft jetzt schon genutzt werden und die 2. Säule ab 2018 auf einen Anteil von 15 Prozent aufgestockt werden.

 

Hendricks zum anstehenden Dialog:
„Letztendlich geht es hier nicht darum, Recht zu haben. Es geht darum, das Richtige zu tun. Dafür brauchen wir die konstruktive Zusammenarbeit von Umwelt- und Naturschützern und Landwirten. Ich habe manchmal den Eindruck, der ein oder andere Verbandsvertreter hat es sich in der Frontstellung ganz bequem eingerichtet. Ideologische Debatten helfen uns aber nicht weiter.

Mehr Verständigung zwischen Umweltschützern und Landwirten – das ist die notwendige Voraussetzung, damit der Wandel gelingen kann“.

 

In der bisherigen Form habe die Landwirtschaft keine Zukunft.
Es müsse anders werden, damit es besser wird.

 

Hendricks‘ Schlussfolgerung:
„Wir sollten auch nicht die Illusion haben, wir könnten das Rad einfach zurückdrehen und zu einer Landwirtschaft zurückkehren, wie sie früher vielleicht einmal war. Die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Der Markt, die Technik, das Ernährungsverhalten. Unsere Zeit braucht eigene, neue Antworten. Wir sollten uns auf den Weg machen und die Diskussion über die Zukunft unserer Landwirtschaft offen führen“.

 

Im Interview mit der Neue Westfälische Zeitung steht Frau Hendricks Rede und Antwort.

 

Frau Hendricks‘ Blick in die Zukunft:

„Viele Familienbetriebe stehen unter permanentem Druck. Sie kämpfen um ihre Existenz und müssen ihren Hof am Ende aufgeben. Wir alle haben diese Geschichten im Zuge der Milchkrise wieder gehört. Die Familienbetriebe sind die Opfer eines Wettbewerbes, in dem das Angebot größer ist als die Nachfrage, und in dem die Produktion trotzdem steigt.

Diejenigen, die weiter machen, sind einem ständigen wirtschaftlichen Optimierungsdruck ausgesetzt. Das Motto heißt „Wachse oder weiche“ – und das schon seit Jahrzehnten. Ein zutiefst brutaler Slogan, wenn wir die Schicksale dahinter betrachten. Er steht heute für ein Modell, das Tiere, natürliche Ressourcen und letztendlich auch die arbeitenden Menschen ausbeutet.

Aber dieses Modell kann den kommenden Generationen nichts hinterlassen, auf das sie ihren Wohlstand gründen können. Weder einen gesunden Betrieb, noch gesunde Böden, noch eine gesunde Natur – Raubtierkapitalismus in Reinkultur.

Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich bisher nicht besonders als Kapitalismuskritikerin aufgefallen bin. Aber die Entscheidung, eine Agrarwirtschaft zu fördern, die auf dem globalen Markt konkurrenzfähig ist, damit zum Beispiel Chinesen deutsches Fleisch kaufen, war aus meiner Sicht falsch. Rund 15 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet die deutsche Landwirtschaft auf dem Weltmarkt. Die Gewinne verteilen sich auf wenige. Aber den Preis zahlen wir alle.

 

Die komplette Rede von Frau Dr. Barbara Hendricks zur Landwirtschaft mit Zukunft finden Sie hier.

 

Zum Schluss noch ein nachdenkliches Wort von Jürgen Wiebicke, Journalist und Schriftsteller:

„Der Großstädter muss wirklich aufpassen, dass er es mit moralischer Kritik an den Bauern nicht übertreibt. Das hat was von Arroganz. Das System ist krank. Aber man kann das nicht am einzelnen Bauern festmachen und ihn moralisch für etwas verantwortlich machen, was viel mehr Leute in einem System zu verantworten haben. Und genau das macht im Moment so viele Bauern so dünnhäutig, dass sie sich für etwas verteidigen müssen, von dem sie möglicherweise selber gar nicht mehr überzeugt sind“.

 

Wir als Bürgerinitiative
möchten im Sinne einer guten Entwicklung in der Landwirtschaft,

für Umwelt und Natur,
für die Menschen,
betonen, dass wir das Schicksal von vielen Familienhöfen sehr bedauern.


Umso mehr wenden wir uns gegen die Entwicklung durch die industrialisierte Landwirtschaft, deren Auswirkungen auch bei uns in der Grafschaft greifbar nahe sind.

 

 

In der Ausgabe der ZEIT vom 23.02.2017 erschien ein mehrseitiger, lesenswerter Beitrag unter dem Titel: „Landwirtschaft – Revolution in Sicht“