Artenschwund durch Pestizide ?

© BLE, www.oekolandbau.de, Bild Thomas Stephan

Unter dem Titel  „Wenn der Frühling nicht mehr summt“  veröffentlichte der General Anzeiger Bonn am 06. März 2017 einen lesenswerten Artikel zum Artenschutz. In der Einleitung heißt es: „Die Biomasse der Fluginsekten ist in NRW um bis zu 80% geschrumpft. Naturschützer schlagen Alarm und auch die Politik entdeckt das Thema und grübelt über Verbote für bestimmte Planzenschutzmittel“.

 

Es handelt sich vor allem um die Gruppe der Neonikotinoide. Chemiekonzerne wie Bayer, BASF und Syngenta sind die Hersteller von Substanzen wie Clothianidin, Imidacloprid, Thiamethoxam, die in mehr als 120 Ländern zugelassen sind. Sie werden eingesetzt zur Blattbehandlung, als Beizmittel für Saatgut und zur Bodenbehandlung (Granulat). Das Gift wirkt als Fraß- und Kontaktgift auf die Nervenzellen von saugenden und beißenden Insekten. Die Feldfrucht bleibt bis zur Reife „giftig“. Vor allem Schwebfliegen, Schmetterlinge, Hummeln und Bienen sollen besonders betroffen sein. Auf Grund einer Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA , hat die EU Kommission zum 01. Dezember 2013 für drei Neonikotinoide ein Verbot ausgesprochen. Eine Überprüfung soll nach zwei Jahren stattfinden. Im gleichen Jahr forderte der BUND -Gestiegene Gefahren durch neuartige Pestizide – Neonikotinoide sind Nervengifte Landwirtschaftsministerin Aigner zum Verbot aller Neonikotinoide auf.

 

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Neonikotinoide wirken wie Nervengifte. Insekten verlieren nach Kontakt mit dem Gift die Orientierung oder sie sterben sofort. Schon seit Anfang der 2000er stehen diese Wirkstoffe und auch andere Pflanzenschutzmittel  im Verdacht, für das Bienensterben verantwortlich zu sein. Insektensterben ist z. Zt. eines der grössten Probleme in Europa und weltweit. Josef Tumbrinck, Landesvorsitzender Nabu NRW meint PSM: „mittelfristig wird es zu einem Verbot kommen müssen“.

  • Europaweites Verbot 2013 durch EU Kommission für drei Neonikotinoide (Clothianidin, Imidacloprid und Thiametoxam) alleine wird nicht ausreichen
  • Maissaatgut darf schon seit 2008 mit diesen Stoffen in Deutschland nicht mehr behandelt werden
  • Frankreich hat als einziges EU Land Neonikotinoide ab 2018 und sukzessive bis 2020 verboten

 

 

Imker freuen sich, Bauern beklagen jedoch, da sie das Insektensterben nicht für ausreichend belegt halten. Bayer, BASF und Syngenta klagen vor dem EuGH. Angeblich Einbußen von 900 Millionen € für die Landwirtschaft. Harald Ebner (Grüne im Bundestag) Pestizidexperte meint: „Beim bisherigen EU Teilverbot sind nur vier Wirkstoffe und bestimmte Anwendungsbereiche erfasst. Es handelt sich ja nur um eine bestimmte Gruppe von Wirkstoffen, andere bienengefährliche Substanzen sind weiterhin zugelassen“. Auf seiner HP fordert er auf, das dramatische Insektensterben zu stoppen .

 

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Im Deutschen Bundestag, Paul-Löbe-Haus, veranstaltete die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen am 06. März 2017 ein Fachgespräch zum Thema: „Stummer Frühling ante portas – Was tun gegen das dramatische Insektensterben“?

„ExpertInnen aus Forschung und Naturschutz schlagen Alarm: In den letzten drei Jahrzehnten ist der Gesamtbestand bei Insekten dramatisch gesunken. Selbst in Naturschutzgebieten wurde ein drastischer Rückgang der Insektenbiomasse um 80 Prozent festgestellt.

Die Folgen sind fatal. Rund 80 Prozent unserer Nutz- und Wildpflanzen sind auf Insektenbestäubung angewiesen. Insekten sind Nahrungsgrundlage für Vögel, Fledermäuse und viele andere Tiere, die bereits unter dem Schwund ihrer Lebensräume leiden. Das Insektensterben stellt also eine existenzielle Bedrohung für unsere natürlichen Lebensgrundlagen insgesamt dar. Rachels Carsons Horrorszenario eines „Stummen Frühlings“ droht Wirklichkeit zu werden.

Der übermäßige Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft, ausgeräumte blütenarme Agrarlandschaften und die damit einhergehenden fehlende Nahrungsquellen sind wahrscheinliche Ursachen. Eine Vielzahl an Studien deutet darauf hin, dass eine Gruppe an Insektiziden (Neonikotinoide) eine besondere Rolle beim Insektensterben spielt. Diese hochtoxischen Substanzen beeinträchtigen schon in sehr niedrigen Konzentrationen die Gesundheit von Bienen und anderen Insekten. So wird etwa das Orientierungs- und Kommunikationsvermögen gestört, die Anfälligkeit für Krankheitserreger und Parasiten steigt und der Bruterfolg verschlechtert sich. Außerdem bestehen Hinweise, dass Neonikotinoide die Nervenrezeptoren irreversibel blockieren und so auch extrem niedrige Belastungen über längere Zeiträume zu Vergiftungen führen“.

 

 

Eine umfangreich recherchierte Studie (2014) der Weltnaturschutzunion (IUCN) wird Bayer, BASF und Syngenta bei dieser Auseinandersetzung wohl wieder in die Defensive drängen,denn die Arbeit bietet erstmals einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand – und der ist erschreckend. Bisher galten die Sorgen der Naturschützer vor allem der wirtschaftlich bedeutenden Honigbiene. Auch Regenwürmer und Vögel seien ernsthaft gefährdet.

 

Die „Wirtschafts Woche – Green Economy“ fasst einige wichtige Ergebnisse dieser Studie zusammen:

  • Die Giftstoffe sind langlebiger als gedacht. Vor allem im Boden können sie Monate und Jahre bestehen und gefährden so auch Regenwürmer. Böden sind dauerhaft kontaminiert, auch Grund- und Oberflächenwasser sind betroffen.
  • Die Zerfallsprodukte der Wirkstoffe wirken auf einige Organismen noch giftiger als das Ausgangsprodukt. Ebenso ist offenkundig, dass Neonicotinoide ein ernstes Risiko für Honigbienen und andere Bestäuber darstellen.
  • Bei Gartenhummeln wurden unwiderlegbare Wirkungen auf Kolonieebene festgestellt: exponierte Kolonien wachsen langsamer und produzieren signifikant weniger Königinnen.
  • Chronische Wirkungen und „subletale Effekte“, also Effekte, die die Tiere zwar schädigen, aber nicht töten, werden bei der Zulassung kaum getestet. Dazu gehören: Beeinträchtigung von Geschmackssinn und Erinnerungsvermögen; verringerte Fruchtbarkeit; verändertes Fressverhalten und verminderte Nahrungsaufnahme, ebenso verminderte Futtersuche bei Bienen; verändertes Verhalten beim Röhrenbau der Regenwürmer; Flugstörungen und erhöhte Erkrankungsanfälligkeit.

 

 

Greenpeace stellte eine Studie der britischen Universität Sussex vor Umweltrisiken durch Neonikotinoide Demnach wurden im Zulassungsverfahren die Gefährdung von Bestäubern an vielen Punkten unterschätzt – die gilt besonders für Wildbienen mit fatalen Folgen, denn rund drei viertel der landwirtschaftlichen Kulturpflanzen seien auf die Bestäubung von Hummeln, Bienen und anderen Insekten angewiesen. Laut Geenpeace verschlimmert sich die Situation.

 

In der Folge leiden auch Vögel, da ein Grossteil der Nahrungsgrundlage wegfalle. Bodenbrüter im Feld sind chancenlos gegen die industrielle Feldbearbeitung.

 

Erinnerungen werden wach, als im August 1972 das Pestizid DDT verboten wurde. In den 60er Jahren wurde das Mittel noch als harmlos eingestuft, bis damals ein grosses Vogelsterben auf DDT zurückgeführt werden konnte. Im Gewebe von Patienten, die an Leberschäden oder Krebs verstorben waren,wurde zwei bis dreimal soviel DDT nachweisen wie bei Unfalltoten.

Ein SPIEGEL Artikel vom 09. Juni 1969 beschreibt die Forderung der Forschung zum Verbot.
Haben wir nichts dazugelernt?
Verharmlosung mit sogenannten „wissenschaftlichen Gutachten“ beeinflußten den Gesetzgeber in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder.
Erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wird -oft zögerlich- gehandelt.

 

Eine Liste der bedrohten Bodenbrüter ist in diesem Flyer sehr anschaulich dargestellt. Sie sind z. T. nicht nur durch Pestizideinsatz, sondern auch durch die veränderte industrialisierte Feldbearbeitung betroffen. Brutzeit und Aufzucht des Nachwuchses werden empfindlich gestört. Sehr umfangreich wird das Artensterben in einem Artikel der Bio-Zeitschrift Schrot & Korn „Wir sind dann mal weg“ erklärt.

 

© BLE, www.oekolandbau.de, Bild Dominic Menzler

 

Beim NABU ist eine „Rote Liste“ der bedrohten Brutvögel veröffentlicht mit Einteilungen in Kategorien wie: „Bestand erloschen“ oder „vom Aussterben bedroht“………

 

 

Der BUND fordert ein Verbot aller Neonikotinoide

Neonikotinoide gehören zu einer neueren Stoffklasse von Insektiziden. Sie werden inzwischen flächendeckend verwendet und sind außergewöhnlich stark giftig. Neonikotinoide werden meist nicht direkt auf das Feld gespritzt, sondern als Saatgut­beize verwendet. Dadurch können sie mit dem Wachstum die gesamte Pflanze durchdringen. Die Blätter sind dann vor „Schädlingen“ geschützt. Die Neonikotinoide greifen bei Insekten in das zentrale Nervensystem ein. Die Tiere sterben dadurch nicht sofort, verlieren aber für ihr Überleben wichtige Fähigkeiten. Weiterlesen ……

Wie Bienen navigieren und wie sie dabei durch Pestizide gestört werden erläutert eine Studie der Neurologischen Fakultät der Freien Universität Berlin.

Das auch Oberflächengewässer und den darin lebenden Tieren Gefahr droht, wird im Pestizid Brief der PAN-Germany beschrieben.

Weitere Links zum NABU  Dramatisches Insektensterben   und   Weniger Bienen, Fliegen, Schmetterlinge   und   Sag mir, wo die Blumen sind ….

Eine eingehende Beschreibung, wie der Insektenrückgang dokumentiert wurde ist zu finden beim Entomologischer Verein Krefeld e.V. 1905