Lassaner Winkel im Aufruhr

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Quelle: Uli Hermanns

 

 

Die Stadt Lassan mit den Dörfern Pulow, Waschow, Papendorf und Klein Jasedow, vis à vis der Ostseeinsel Usedom, liegt in einem nostalgischen Winkel am nord-östlichsten Rand der Bundesrepublik.

 

Die dortige Bürgerinitiative wehrt sich gegen den Bau eines riesigen Güllebeckens mitten in einem naturverbundenen Winkel mit „Kräutern, Kunst und Himmelsaugen“

Quelle: Tourismusverband MV

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bürgerinitiative Gülle-Stopp veröffentlicht nachfolgend die Petition von Karl Valta, der Lassaner Initiative:

Viele von uns haben sich im sanften Tourismus eine Existenz aufgebaut. Nach über 20 Jahren engagierter und innovativer Netzwerkarbeit ist eine lebendige Region entstanden und tatsächlich füllen sich unsere Dörfer, gegen alle demografischen Prognosen für unsere Region in Mecklenburg – Vorpommern immer mehr mit jungen Familien und deren Kindern. Dies haben wir aus eigener Kraft, ohne Fördermittel-programme, staatliche Strukturförderung oder anderer staatlicher Alimentierung kreiert. Wir haben Arbeitsplätze geschaffen im Beherbergen, im Handwerk, im Kunsthandwerk, in der Bio-Landwirtschaft, in der Gastronomie, in der Bildenden Kunst, Musik und mehr. Vor drei Jahren gehörten wir zu den Preisträgern des Wettbewerbs „LandArt – Beste Netzwerke für Landurlaub“ des Landestourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern. http://www.lassaner-winkel

 

Nun baut ein agrarindustrieller Großunternehmer, die Peeneland Agrar GmbH, ein gigantisches offenes Güllelager (6447 m³ = 320 Tanklastzüge à 20 t Gülle) im Herzen des Lassaner Winkels, just in dem kleinen regionalen Tourismusgebiet, das durch Flächennutzungsplan – und Raumordnung als „Tourismusentwicklungsraum“ ausgewiesen ist.

 

Unsere Lebensqualität und viele Arbeitsplätze sind in Gefahr! Wer möchte noch leben und Urlaub machen, wo es stinkt? Einwohner haben sich seit Juli 2016 in einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen. Wir haben über 1700 Unterschriften in kurzer Zeit gegen den Bau des Güllelagers von Einheimischen und Besuchern gesammelt – 1210 Menschen sind im Lassaner Winkel wahlberechtigt! Der Bürgermeister kündigte jedoch an, „das gemeindliche Einvernehmen“ unverzüglich zu erteilen.

Den „Kompromissvorschlag“ eines Stadtverordneten, den gigantischen Tank zu begrünen und in seinem Schatten einen Rastplatz für Touristen anzulegen, lehnen wir ab. Ein Kabarettist könnte sich das nicht besser ausdenken….

 

 

Luftlinie 8,15 km

 

 

Vom Milchkuhstall bis zum Güllelager beträgt die Luftlinienentfernung 8,15 km. Die Peeneland Agrar GmbH besitzt, außerhalb der vergleichsweise kleinen touristisch genutzten Region im Lassaner Winkel, mindestens weitere 4.000 Hektar Land und sollte dorthin ausweichen.

 

 

 

 

 

Quelle: Uli Hermanns
Protest gegen den Agrarindustriellen

Wir können nur mit öffentlichem Druck gegen die wirtschaftliche und politische Macht des Agrarunternehmens und die erklärte Ohnmacht unserer Stadtvertreter bestehen. Nach viermonatigem intensiven bürgerschaftlichen Engagements der „BI -Lassaner Winkel“, konnten wir zumindest das Stadtparlament von Lassan davon überzeugen, das gemeindliche Einvernehmen zum Bau des Großgüllelagers zu versagen. Nach massiver Intervention von Vizelandrat nebst CDU-Fraktion haben die Stadtvertreter Lassans aber den Klageweg der Stadt für ihre Bürger abgelehnt.

 

 

Die Baugenehmigung wurde im August 2017 erteilt und Baustart des Güllelagers erfolgte wenig später.

© Tom Schröter, Ostseezeitung © Tom Schröter, Ostseezeitung

 

Inzwischen wurde bekannt, dass der Juniorchef der „Peeneland“, einer der reichsten Agrarindustriellen weit und breit, auch in den Tourismus eingestiegen ist. Er betreibt Ferienwohnungen und hat gerade eine Förderzusage über 200.000 € aus EU-Fördermitteln für den Ausbau einer Scheune für Ferienwohnungen und Verarbeitungsräume für Nutz-und Wildtiere, inklus. Salon für Jagdgäste, hier in der Region, erhalten. Auch werden ca. 3km marode Kreisstraße extra für den Schwerlastverkehr zum Güllelager für ca. 1 Millionen € Steuergelder ausgebaut ( bei einem Etat von gerade einmal 9 Millionen € für alle Straßen im Kreis! ).

 

Wir sehen einen Zusammenhang des überall in unserer Region aufkeimenden bürgerschaftlichen Protests: Unsere Region wird von Landes- und Bundespolitik, zunehmend auch von den kommunal verantwortlichen Politikern, im Stich gelassen.

 

Auf unserem Rücken werden vermeintliche Verwaltungs-, Justiz-, Schul-, Polizei-, Krankenhaus- und Kreisreformen ausgetragen. Das geht immer wieder zu Lasten der ländlichen Bevölkerung , indem die infrastrukturelle, behördliche- und soziale Grundausstattung gnadenlos zentralisiert, ausgedünnt oder gar gänzlich wegrationalisiert wird. Die Folge ist, dass unsere Kinder immer weniger Schulen vor Ort besuchen können, die Wege für uns immer länger werden zu Verwaltung, Ämtern, Gerichten, Banken und zur medizinischen Grundversorgung, unsere Dörfer und Kleinstädte immer mehr wirtschaftlich, kulturell und sozial veröden.

Die „Verspargelung“ der Landschaft schreitet voran und immer größere Windkraftanlagen rücken immer näher an unsere Wohnorte und beeinträchtigen unsere Lebensqualität. Multinationale Konzerne schrecken nicht davor zurück, in reinen Urlaubsregionen mit Millionen von Übernachtungen, in der bis zu 90% der Bevölkerung vom Tourismus leben, eine umweltbelastende und risikobehaftete Gasindustrie etablieren zu wollen.

Hinzu kommt, dass die hochsubventionierte industrielle Landwirtschaft zunehmend in Widerspruch zu den Wirtschafts- und Lebensinteressen der übrigen Landbevölkerung gerät: Schon ein Viertel des Grundwassers unter landwirtschaftlicher Fläche ist durch Überdüngung nitratverseucht. Exzessiver Pestizideinsatz gefährdet unsere Gesundheit und die unserer Kinder. Die Bauprivilegierung der industriellen Landwirtschaft ( ein Überbleibsel aus kleinteiliger bäuerlicher Wirtschaftsweise, für die sie auch allein einen Sinn machte!), setzt uns vielerorts gigantische Massentierhaltungsställe, Gülle – und Mastanlagen vor Dörfer und in Tourismusentwicklungsgebiete. Die Aus – und Nebenwirkungen betreffen die (touristische) Infrastruktur, Straßen, Verkehrssicherheit, Landschaftsbild und vieles mehr – unser gesamtes Leben.

 

Die Umwandlungsprozesse der LPGs in Agrar GmbHs haben eine gewaltige Konzentration von Land in wenigen Händen hervorgebracht mit extremer wirtschaftlicher und politischer Machtfülle.

 

Doch nur ein Mensch pro 100 Hektar hat die Chance einen Arbeitsplatz in den hiesigen landwirtschaftlichen Großbetrieben zu finden!

Sanfter Tourismus ist eine der wenigen Alternativen zur industriellen Landwirtschaft in unserer Region.
Mehr als 70% der Menschen auf der vorgelagerten Insel Usedom und schon ca. 10% auf dem Festlandgürtel leben inzwischen davon.

 

Die Haltung unserer Kommunalpolitik ist empörend: Weiterhin werden die primären existentiellen Belange dieses immer größer werdenden Teils der Bevölkerung ausgeblendet. Bürgerschaftliches Engagement wird von den meisten Kommunalpolitikern ignoriert, behindert und diffamiert.

Die zuständigen Umweltbehörden geben in unserem Fall ein ebenso unrühmliches Bild ab: Entschieden wird behördlicherseits gern aus der „Vogelperspektive“. Die existentiellen Interessen der Menschen vor Ort werden bei der Entscheidungsfindung bewusst ausgeklammert. Der Leiter der unteren Naturschutzbehörde bescheinigte uns „…wir sind nicht für sie als Menschen zuständig, sie sind nun mal nicht Teil der Tier- und Pflanzenwelt!“

Die Strategie und Taktik unserer Landesregierung scheint auf die Formel hinaus zu laufen: Schweigen, Aussitzen, Abwarten – irgendwann wird den lästigen Bürgern mit Ihren ebenso lästigen Fragen und Anliegen der Atem ausgehen. Hochbezahlte Politiker können es sich leisten, Stellungnahmen und Entscheidungen hinauszuzögern – Bürger dagegen, die in ihrer Freizeit mit unbezahlter Arbeit gegen Fehlentscheidungen und Verstößen in Sachen Wirtschaftsentwicklung, sozialer Gerechtigkeit, den Landschafts – und Naturschutz angehen, sollen irgendwann aufgeben.

Wir warnen eindringlich vor den Folgen dieser Ignoranz unserer „Volksvertreter“.
Schon bei der letzten Land- und Bundestagswahl haben populistische Parteien vielerorts mehr als 50% der Stimmen erhalten. Dieser Trend wird sich aller Voraussicht nach ungebremst bei den nächsten Kommunalwahlen fortsetzen und die, “von denen da oben” frustrierten Wähler in die Arme populistischer Parteien mit einfachen, nicht selten falschen Erklärungen und wenig nachhaltigen Lösungen treiben.

Damit wird nicht nur die Sozial – und Wirtschaftsentwicklung behindert, sondern letztendlich auch grundsätzliche demokratische Strukturen in unserer Region und in unserem Land gefährdet.

Bürgerinitiative – Lassaner Winkel

 

Nachdenkliches von Margarete Groschupf in der Ostseezeitung:

5. Mai 2018

„Die Landschaft hier zwischen Pulow und Papendorf und Klein Jasedow und Lassan ist anders, es sind schlängelige Wege, schlechte Straßen, die schöne Bäume haben rechts und links, Obstbäume, wo jeder im Herbst ernten gehen kann. Die Querstraße ist eine romantische Allee mit Kopfsteinpflaster. Es ist eine ganz andere Szenerie, es ist diese stehengebliebene Zeit hier in Ostvorpommern, für die wir gekommen sind, diese selbstverständliche Freundlichkeit in den Edeka-Läden am Markt in Lassan, der familiäre Frieden, den wir ein bisschen suchen, weil wir ihn woanders verloren haben.

Der Lassaner Winkel ist ein besonderes Soziotop, etliche Broschüren dokumentieren die Vielzahl von Kunsthandwerkern und Physiotherapeuten, ein spezielles Wissen lebt hier über Gesundheit und Ganzheitlichkeit. Das lockt auch besondere Urlauber an.

Auf der Kreistagssitzung in Pasewalk im vergangenen Sommer war es deutlich zu merken, dass die Politiker stolz sind auf diesen Winkel, dieses Bunte, das man nicht so richtig in Worte fassen kann: plötzlich eine avantgardistische Bewegung, die man kaum woanders so geballt findet, ein psychologisch-ökologisches Wissen schwebt im Raum und kommuniziert sich, hat die Dörfer zum Wachsen gebracht. Junge Leute in bunten Klamotten, ein bisschen Toleranz braucht man vielleicht manchmal, aber einen Rasta-Zopf hat in Lassan auch die Pastorin. Ja, ein buntes Volk hat sich professionell etabliert und macht Menschen überregional neugierig. Der Puls der Zeit schlägt hier sanft und verwirklicht eine Utopie des natürlichen Lebens, des Lebens mit der Natur, der Wertschätzung der Natur. Es geht viel mehr um Integration und Bewahrung als um Aussteigertum.

Der Streit um das Güllesilo im letzten Jahr hat die Stadt erschlagen. 1700 Unterschriften, alle haben unterschrieben, alle waren aufgebracht, empört, die Heimatliebe wurde spürbar in so einer Selbstverständlichkeit, dass die Stadt eigentlich vereint war. Auch der Bürgermeister war glücklich, als sich bei einer Versammlung in der Turnhalle eine Möglichkeit zeigte, dem Güllesilo zu entkommen. Wer möchte schon, dass es hier mal stinkt? Die Stadt hat das gemeindliche Einvernehmen nicht erteilt. Ein Schritt war geschafft.

Aber dann kam der Landkreis und war stärker. Der Kampf hätte weitergehen müssen, die Bürgermeister aus Wolgast und Anklam forderten Fred Gransow auf, gegen den Landkreis zu klagen. Das tat er nicht. Daher die Baufahrzeuge.

Die Bevölkerung steht nun unter Schock.
Es ist wie ein gebrochenes Verhältnis, ein zerstörtes Vertrauen. Das Unvorstellbare soll Wirklichkeit werden, im Entsetzen einen sich nun alle, konventionelle und unkonventionelle Menschen. Verstehen tut niemand mehr etwas, die Bürgerinitiative „Kein Güllelager im Lassaner Winkel“ hat geklagt, die Klage wird nicht bearbeitet, alles schleift, die Ämter geben keine Auskunft. Die Welt der Politik scheint eine Nebelzone, man sieht die Hand vor Augen nicht, es geht nicht mit rechten Dingen zu.

Dieser Eindruck steht so stark im Raum, gemunkelt wird viel, wer hier schon lange lebt, winkt ab: sind alle geschmiert, bestochen? Die Landrätin Syrbe und viele andere? Es kann einfach nicht sein, die Rechtslage ist völlig klar, der Flächennutzungsplan gibt ja dem Tourismus Vorrang. Was ist hier eigentlich los? Mir wurde erklärt, es sind die Strukturen der Vergangenheit, des Feudalismus. Es gibt heute den Agrarindustriellen Phillip Kowollik, ihm gehört fast die ganze Ackerfläche, er pflügt die Wege über, wenn es für die großen Fahrzeuge günstiger ist, er verfügt über Wiesen und Äcker, und er tut, was ihm gefällt. Ihm wird nicht widersprochen, die finanzielle Abhängigkeit ist zu groß. So funktioniert Mecklenburg-Vorpommern. Ich habe Angst“.

Margarete Groschupf,
Schriftstellerin und Journalistin