Multiresistente Bakterien  -MRSA und VRE-

Wenn Bakterien gegen eine Vielzahl von Wirkstoffen resistent sind, dann spricht man von einer Multiresistenz.
Für Menschen mit einem schwachen Immunsystem kann das gefährlich werden.

 

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Durch die reichliche Verwendung von Antibiotika in der Human-, aber vor allem auch in der Tiermedizin werden Resistenzen bei Bakterien erzeugt. Der Einsatz von Antibiotika in der Intensivtierhaltung, hat seine Exzesse nicht nur im Einsatz von präventivem „medizinischem“ Viehfutter oder durch das Legen einer „Antibiotika-Decke“ über den ganzen Stall, sondern auch durch andere Anwendungen, die den ursprüngliche Zweck von Antibiotika weit hinter sich lassen, z. B. die Verhinderung von Verderb des Fleischs während des Transports.

Dies hat nicht nur zu verstärkter Antibiotikaresistenz geführt, sondern auch zu einem hohen Grad an Verschmutzung der Umwelt durch Antibiotika, die zu einem grossen Teil unverbraucht mit der Gülle auf die Felder gelangen. Dies wiederum führt zu einer Mutation in den Genen der Bakterien  -horizontaler Gentransfer-  der natürlichen Bakterien im Boden. Es entwickelt sich eine eigene Dynamik, unabhängig von der bisher bekannten.

In Deutschland konnten Gesetze bislang den Missbrauch von Antibiotika in diesem Ausmaß nicht verhindern. In untersuchtem Fleisch werden hohe Rückstände an Antibiotika nachgewiesen, eine große Gefahr für den ahnungslosen Verbraucher.

Der Einsatz von Breitspektrum-Antibiotika (wichtig für den menschlichen Gebrauch) nimmt zu. Selbst vor dem Einsatz von „Reserveantibiotika“, nur für den Humanbereich bestimmt, schrecken Tierärzte nicht zurück, obwohl die Anwendung im Veterinärbereich verboten ist. Inzwischen verbraucht der Schweinesektor bis zu 99,5 % an Fütterungsarzneimittel.

 

Das Europäische Parlament plädiert für ein Verbot von präventivem und kollektivem Gebrauch von Antibiotika.

 

Wir fordern darüber hinaus:
Verbot der Verwendung von Antibiotika, die inzwischen für den Menschen kritisch sind, in den Ställen und damit einhergehend strengste Kontrollen. In Anbetracht der Entwicklung der Resistenzen, scheint uns die Freiwilligkeit, womit ein so wichtiges Thema angesprochen wird, völlig unzureichend.

 

Greenpeace stellt den Gülletest 2017 vor mit den Untersuchungsergebnissen zu „Multiresistente Keime und Antibiotika in Gülle aus deutschen Schweineställen“.

 

Multiresistente Erreger, kurz MRE, sind weit verbreitet. Am bekanntesten ist MRSA. Bei diesen Erregern wirken die meisten Antibiotika nicht.

 

Bildquelle: Copyright HZI
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MRSA
Der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA) ist ein Vertreter der Bakterie Staphylococcus aureus, der gegenüber dem Wirkstoff Methicillin resistent ist, ein Antibiotikum aus der Gruppe der β-Lactam-Antibiotika, die im Kampf gegen Staphylokokken-Infektionen häufig verwendet werden.

 

 

 

Nach ihrem Vorkommen und dem wichtigsten Ort ihrer Übertragung werden drei große Gruppen von MRSA unterschieden:

  • HA-MRSA-Typ
    (HA=hospital aquired/im Krankenhaus erworbener) betrifft vor allem ältere und geschwächte Menschen.
  • CA-MRSA-Typ
    (community acquired = ambulant erworben, also mehr und mehr außerhalb von Krankenhäusern erworben. Dieser Typus ist aggressiver und produziert auch Symptome bei gesunden Jugendlichen und Erwachsenen.
  • LA-MRSA-Typ
    (livestock associated = durch Kontakt mit Nutztieren erworben) ist die neueste Variante, nämlich im Zusammenhang mit Tieren. Kommt vor allem bei landwirtschaftlichen Nutztieren (meist Schweine) vor. Die Beschreibung von LA-MRSA Kolonisation und sporadischen Infektionen bei Menschen, die wohl oder auch nicht mit Schweinen in Berührung kommen, legt nahe, dass Schweine eine potentielle Quelle für Übertragung auf Menschen von einem bestimmten dominanten genetischen Typen innerhalb LA-MRSA sind, nämlich: MRSA ST398 (Sequenztyp 398). Letzteres wurde nun durch vier Todesfällen in Dänemark nachgewiesen, wo die ST398 Variante wohl auf Menschen übertragen wurde, die nicht in der Nähe von Viehställen wohnen.

Eine Infektion durch MRSA (ST398) kann in der Hälfte der Fälle nicht geheilt werden.

 

In Betrieben mit Schweinemast (teilweise in Kombination mit Rindern oder Geflügel) wurden bei einem Screening teilweise bis zu 80% der Betriebe MRSA erkannt.

LA-MRSA taucht (viel) weniger auf bei Hühnern (10% der Betriebe) und Rindern (50% der Betriebe), wenn sie mit Schweinen auf einer gemischten Farm aufgezogen werden. Das Bakterium sitzt in der Nase und auf der Haut von Schweinen und kann durch den Luftstrom die Bildung von mikroskopisch kleinen infektiösen festen und flüssigen Partikel verursachen, die so in der Umwelt verteilt werden. In bakteriologischen Untersuchungen wurde in 8% der Schweinefleischproben LA-MRSA gefunden.
Die Antibiotika-resistenten Bakterien (z. B. LA-MRSA und ESBL) treten im Oberflächenwasser, im Boden, aber auch in der Luft und (massiv) in Produkten aus intensiver Viehzucht im Angebot des Einzelhandels auf, und auch auf Gemüsesorten (die oft roh gegessen werden) und bei Haustieren.

 

Das Gesundheitsrisiko LA-MRSA bedeutet derzeit kein signifikantes Risiko für die Verbraucher von Schweinefleisch,
wenn der Keim bei der Zubereitung von Fleisch durch Erhitzen abgetötet wird.

 

Deutsche Forschungen zeigten jedoch, dass die Grenzen zwischen den LA-MRSA-Infektionen und den mit MRSA im Allgemeinen immer mehr verwischen.

Aus einer vergleichenden Genomanalyse zeigt sich, dass LA–MRSA sich aus einem Stamm von MRSA entwickelt hat, angepasst am Menschen und dass der Sprung zum Vieh eindeutig mit einer Reihe von genetischen Veränderungen assoziiert wird.

Nun wurden wiederum genetische Veränderungen am LA-MRSA festgestellt, welches ein potenzielles Risiko für die menschliche Gesundheit darstellen(siehe dänischer Fall). Obwohl die Mehrheit der LA-MRSA (>  80%) gegen mehrere Antibiotika resistent sind, gibt es nach wie vor noch Behandlungsspielraum.

Obwohl die Infektionen zunächst die YOPI-Gruppe (young, old, pregnant, ill) gefährden, sind auch Fälle von gesunden Menschen gemeldet worden, die an einer Infektion mit LA-MRSA (CC398) starben.

Die Erkenntnis, dass LA-MRSA sich jetzt auch von Mensch zu Mensch ausbreitet, und so Infektionen verursacht, führt zu noch mehr Unruhe.

Eine niederländische Literaturstudie aus 2012 zeigt an, dass die Ausbreitung von LA-MRSA aus Tierställen Auswirkung auf Menschen haben kann, die in einem Abstand von 150 bis 200 Meter leben.

 

VRE

VRE steht für Vancomycin-resistente Enterococcus faecium.
Der Wirkstoff Vancomycin zählt zu den Reserveantibiotika

Enterococcus faecium ist ein Darmbakterium, das bei vielen Menschen und Vieh vorkommt. Es sind die gleichen genetischen Stränge, die bei Menschen und Tieren vorkommen als auch Resistenz-Gene.

Der Unterschied zwischen den VRE und den gewöhnlichen Bakterien besteht darin, dass die VRE resistent gegen Vancomycine geworden sind. Nur für Menschen mit einem stark reduzierten Widerstand kann VRE zu einer Infektion führen. Diese Enterokokken sind heute auf dem Rückzug, zu verdanken durch ein Verbot der Verwendung des Wirkstoffs Avoparcin in der Viehzucht.

 

 

 

In diesem Zusammenhang muß über einen wissenschaftlich längst geklärten Fakt gesprochen werden:
Horizontaler Gentransfer.

Der horizontale Gentransfer ist die Weitergabe bzw. Aufnahme genetischen Materials außerhalb der sexuellen Fortpflanzungswege und unabhängig von bestehenden Artgrenzen.

Es würde den Rahmen dieser Ausführung sprengen, dazu ins Detail zu gehen. Weiter unten finden Sie einige Links zum tieferen Verständnis.

 

Hierzu in aller Kürze folgende Infos:

  • Bakterien können untereinander ihre Gene austauschen
  • Multiresistente Keime, die z: B. mit der Gülle auf den Acker oder auf Grünland gelangen, können ihre Resistenzgene mit der natürlichen Bakteriengemeinschaften im Boden austauschen. Gülle schafft hierzu mit seinen Nährstoffen gute Bedingungen
  • Ein hoher Anteil nicht verstoffwechselter Antibiotika gelangt mit der Gülle auf die Böden und fördert zusätzlich eine Resistenzbildung der natürlichen Bakterienflora
  • Es bilden sich Hotspots für den „Horizontalen Gentransfer“
  • Potenziell für den Menschen pathogene Bakterien werden durch resistente Keime in ihrer Resistenzbildung beeinflußt.
  • Resistente Bodenbakterien können durchaus in den menschlichen Körper gelangen, denn die Pflanzen, die wir essen, nehmen sie auf. Wir waschen sie nicht einfach ab, weil sie sich zum großen Teil in den Pflanzen befinden.
  • Ein Mensch mit einer Darmerkrankung, der mit Antibiotika behandelt wird und solches Gemüse isst, könnte seinen Krankheitserregern die Resistenzgene mit der Nahrung liefern. Die Antibiotika verlören bei ihm ihre Wirkung

 

Daraus folgernd stellen wir Fragen:

  • Sind Ackerflächen, Grünlandflächen oder eine offene Gülle-Lagune eine potentielle Infektionsgefahr für die umliegende Bevölkerung?
  • Wie hoch muß die Gefahr einer Infektion durch stechende und saugende Insekten (sogenannte Vektoren), die Keime von dort mitbringen, eingeschätzt werden?
  • Können Haustiere wie Hunde oder Katzen kontaminiert werden und die Keime auf Menschen übertragen (Tröpfcheninfektion)?

 

 

Ob Gärreste aus Biogasanlagen ein Gefährdungspotential zur verstärkten Verbreitung von multiresistenten Keimen darstellen wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Greenpeace spricht von einer „Zeitbombe“, und auch besorgte Tierärzte und Wissenschaftler fordern die Aufklärung von Sicherheitslücken.

In einem Großteil der Biogasanlagen in Deutschland laufen die Gärprozesse bei Körpertemperatur  -35-38°C-  ab (mesophil), weil sich die eingesetzten Mikroorganismen dann am besten vermehren. Dies wird zu einem Problem, da sich auch multiresistente Keime, die mit der Gülle in die Anlagen gelangen, sehr gut vermehren können.

In Anlagen, die im thermophilen Betrieb mit 50 – 57 °C und mit längeren Verweilzeiten der Gärsubstrate im Fermenter arbeiten, sollen die Überlebensraten der „Schaderreger“ angeblich gering sein.

 

Abschließend einige informative Linksammlungen zum Gentransfer:

IHK Braunschweig: Antibiotikaresistenzen können sich in der Umwelt weiter ausbreiten
Ein Kurzbericht zum internationalen EDAR Symposium (EDAR = The Environmental Dimension of Antibiotic Resistance) 2015 in Werningerode/Harz.
IHK mit Kurzbericht vom Julius-Kühn-Institut
SWR: Interview mit Frau Prof. Kornelia Swalla, Julius-Kühn-Institut Braunschweig
Brutstaetten-fuer-resistente-Keime-in-der-Guelle-lauern-gefaehrliche-Bakterien

 

Helmholtz-Zentrum-München, Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt
Horizontaler Gentransfer – ein natürlicher Prozess

 

WELT N24 Wissen
Wenn-Gene-von-Bakterien-auf-Menschen-uebergehen